Vortrag im Arbeitskreis für Bezirksgeschichte am 11. Jänner 2007 Prof. Dr. Heimo Cerny

Vortrag im Arbeitskreis für Bezirksgeschichte am 11. Jänner 2007

Prof. Dr. Heimo Cerny

Beiträge zur herrschaftlichen Rechtspflege

im Mittelalter und in der frühen Neuzeit

am Beispiel unveröffentlichter Weistümer des Bezirks Amstetten

(Seisenegg, Freyenstein, Markt Ardagger, Greinsfurth)


 

Taiding der Vierzehner zu Freyenstein (Abschrift 17. Jh.)

OÖLA, Domkapitelarchiv, Akten, Schachtel 35, Nr. 26

Vermerckt die Freyhaiten Vierer Aigen, welche genandt werden Freyaigen:

Freynstain, Neumarckt, Engspach (=Ennsbach) und Carlspach, welche mit nachvolgenten Freyhaiten von alter hero, von Khayser, Khönigen und Füersten begabt, und befreiet seint worden.

Erstlichen volgt:

die Freyhaiten deß Aigen Freynstein, welche genent werden Vierzehner

[”Eigen”: Mittelstellung zw. Dorf und Markt mit gewissen Privilegien]

(1) Ob ain Vierzehner an dem Tag abhefftet, es sey mit Salz, Eyßen, Leinwath, oder ander Khaufmannschatz, als weit er bey scheinender Sohnen fahren mag, ist er khainer Mauth nichts schuldig zu geben, also ist es von alters herkhomen.

(2) So haben die Vierzehner vom Pistenpach, oberhalb Ybbß, bis an den Hausstain unter deß Struden am Werfelt (Wirbel) ain freye Ladstat. Darinen khain Außwendiger zu khauffen oder verkhauffen Macht hat. Wo aber ain Außlender von ain Vierzehner etwas khaufft, so ist er der Obrigkhait schuldig das Steegrecht, also ist es von alters herkhomen.

(3) Der Urfer halben Wilherspeckh (soll heißen: der Ferge zu Willersbach?)hat das Recht, daß er mit ainer Zwypuechen jenhalb und dißhalb der Thonau über zu fiehren hat.

(4) Das Fergenhauß, das dan das recht Urfar ist, und füer und füer versehen soll sein, es soll auch außerhalb des Fergen, zwischen Pistenpach und Hausstain khainer Macht haben, ainich Viech, groß oder khlain überzufuehren, wo aber solches ainer überfuert, und ohn Wissen und Willen des Fergen Viech überfüehrt, ist er der Obrigkhait das Wandl verfallen, als ist es von alters herkhomen.

(5) Der am Prändlstein (abgekommener Hof Brandstetter ?), der dan auch ain Vierzehner ist, hat Macht mit ainer Zwypuechen überzufiehren, also ist es von alters herkhomen.

(6) Der am Sandt, der auch ain Vierzehner ist, hat macht, mit ainer Zwypuechen überzufiehren, also ist es.

(7) Der an der Wandt, der khain Vierzehner ist, hat [Macht] mit ain Ainpämb [=Einbaum] über zu fiehren, von Mühl und zu Mühl allain zu seiner Hausnothdurfft, und nicht mehr, dan ist er der Obrigkhait dienstbaar jährlich 6 pfenning, also ist es von alters herkhomen.

(8) Ain jeder Vierzehner hat die Freyheit, ain Fach vor seinem Haus zu schlagen, also ist es von alters herkhomen.

(9) Ain jeder Vierzehner hat die Freyheit, vom Pistenpach bis an den Hausstain, und über (=jenseits) der Thonau von der Ysper bis in Waydenpach vom Pfingstag (=Donnerstag) zu Mittag an bis auf den Freytag zu Mittag mit ainer Wadt (Zugnetz) frey zu fischen, also ist es von alters herkhomen.

(10) Ob ain Vierzehner, es wehr durch Prunst, oder wie es khäm, daß er Schaden nämb und in Noth khäm und pawen wolt, darzue er Holz bedürfftig ist, so mag er dasselbig Holz in den dreyen Försten am Gaisstain, zum Hausperg, und an der Scgwarzenwandt abhackhen lassen, doch mit Wissen und Willen der Obrigkhait, umb solch Holz zugeben nichts schuldig. Also ist es von alter herkhomen.

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Weistum von Wörth – Amt Empfing, Hft Freyenstein (im Freyensteiner Urbar 1640) OÖ.Landesarchiv, Starhembergische Urbare, Hs.65, fol.301-310

Hie seindt vermerckht unßere Rechten, so wür haben in dem Wörth, und umb den Wörth, in dem Ambt zu Empfing, die uns ein Fürst hat geben von Österreich, zu dem Gschloß Freyenstain auf der Thonau.

1. Erstlich haben wier das Recht daß der Ungelt der Herrschafft Freyenstain aigen ist, und wer mit Verwilligung der Herrschafft Wein schenkht, soll geben die rechte Maß im Hauß und aus dem Hauß. Wer das nit thuet, der ist schuldtig das Frevelwandl 1ß, 2d. Fragt der Richter.

2. Item wier sein auch Mauthfrei und Zoll[frei] auf allen Gemarckhten, wo wier bey der Sohn hin und bey der Sohn khomben mögen, fragt der Richter.

3. Item wann wier zu Melckh wellen anschitten und khauffen in unßere Heüßer zu Notturfft sein wier Mauthfrey und Aufschlag[frey] , fragt der Richter.

4. Item so haben wier das Recht, daß khein Landtrichter in unßer Herrschafft zu Freyenstain nicht greiffen soll, umb kheinerley Sach, weder wenig noch vill. Dann alle Verhandlung gehört zu der Herrschafft, fragt der Richter.

5. Item wir haben auch das Recht, wann ein streifender Dieb hereinkhomb und begriffen, an unserm Schadten, so sollen wier ihn behalten biß an den dritten Tag, beredt er sich, daß er unschuldig sey, des gewiß (geniß?), beredt er sich dan nicht, so sollen wier in antwortten gen Freyenstain, und sein darumb niemandts nichts schuldtig. Fragt der Richter.

6. Item so haben wier das Recht, daß wier haben ein Pantätting in der Herrschafft alweg des negsten Mitwochen nach St. Paulstag, und wer nit in das Thätting khämb zu der dritten Sprach, der ist umb das Wandl 70 d, fragt der Richter. Und all die dy zu clagen und zu ruegen haben, die mögen das thuen im Ehafften Thäting und wehr zu clagen hat im Ehafften Thäting, so stehet dieselb Clag an Zwayer Clagstath, so soll ain Ambtman den Antwortter fordern, was er anhellig ist, Zahlung schaffen, weß er in laugnen stet, soll er am vierzehenten Tag Recht gehen lassen, und sollen auch Freyung haben in unserm Thädting. Wehr dawider thuet, der ist das Fräfel[wandl] schuldig 6 ß, 2d.Fragt der Richter.

7. Item wir melden und ruegn, das seindt unser Rechten, wer geruegt wirdt, und dem nit güettlich geschach mit der Ruegung, der soll khomben in das Nachthaiding über vierhehen Tag, darnach, und soll sich das gerecht machen, mit sein Aydt oder mit zway oder drey fromben Haußgenossen, denen zu thrauen und zu glauben sey, die reden bey ihren Treuen, er sey unschuldtig, fragt der Richter.

8) Item wier haben auch das Recht, daß ain Nachpar den andern in der Herrschafft woll uber die Thonau hin und her mag gefüehren, darumb er ist khainem Fergen noch niemandts nichts schuldtig, fragt der Richter.

9) Item so werdt unßere Gerechtigkheit gen Ardagger zu dem Khettenstain auß dem Wörth.

10) Item wan unßer ainer ainen schlieg zu Ardagger, und wich heriber in den Wörth, so ist er dem Richter zu Ardagger nicht mehr schuldtig den 2 d, fragt Herr Richter.

11) Item wan ainer viertwentt hab, so soll man im den vierten bleiben lassen, und mag die drey hingeben, fragt Herr Richter.

12) So haben [wier] das Recht, ob ainer ain zu Todt schlueg und kham in den Wörth, so hat er fürstliche Freyung unzt an den dritten Tag, fragt Herr Richter.

13) Item wier haben das Recht daß wier mügen verbietten auf unseren Gründten selbs ohne alle Clag, fragt Herr Richter.

14) Item es soll auch khein Vischer nit vischen, wo er mit der Zillen nit gefahren mag, wehr das nit hielt, der ist das Fräffel Wandl schuldtig 6 ß, 2 d fragt Herr Richter.

15) Item wier ruegen ob ain Wierth Gest hat, in seinem Hauß und ein[er mit] Muetwillen hinein lief, daß sich ein Wierth und sein Gest wolt retten, daß dan ain[er] zum Todt khämb, es wehr mit Stechen oder Schlagen, so haben wier das Recht, daß wier ihn herauß legen, auß dem Dachtropfen, drey Tritt, und soll man ihme drey Pfenning auf den Schadten legen, damit ist er der Welt nichts mehr schuldtig, fragt Herr Richter.

16) Item wir ruegen auch ob ain Wierth ainem auß sein Hauß heraus stieß und wollt seine Gest retten, und der ohn des Wierth willen wieder anstieß herein wollt, der ist schuldig das Fräffel Wandl 6 ß, 2 d fragt Herr Richter.

17) Item wier ruegen auch ob ainer lißnet ainem an seinem Hauß und ob ihn der Wierth drey Stundt fraget und der wolt sich nit melden und stäch der Wirth den zu Todt herauß, so leg in drey Pfenning auf den Schadten, so ist er der Welt nichts mehr schuldtig, fragt Herr Richter.

18) Item wier ruegen auch und sindt unsere Rechts, wehr hinein gehet in die Herrschafft und wart ainem füer es sey bey Tag oder Nacht auf sein Leib und Gueth, bey Tag zu Wandl 10 Pfund und bey der Nacht 32 Pfd. Pfenning, fragt Herr Richter.

19) Item wier ruegen auch, wer Marchstein und Rainpaumb umbhaut oder absezt, der ist verfallen ohn Gnadt 5 Pfd. Pfenning, fragt Herr Richter.

20) Item wier ruegen auch, wehr ligendes Holz hinfürth, der ist der Herrschafft das Fräffel Wandel 6 ß 2 d und ain seinen Schadten abzutragen [schuldig].

21) Item wier ruegen auch wehr Holtz abschlecht, ist es bey dem Tag, so ist er zu Wandl 72 Pfenning und ainem sein Schadten abzutragen [schuldig].

22) Item wier ruegen auch wann der erst Man ins Feldt will gehen und will sähen, so soll jederman friden, wehr das nit thätt, der ist ainem seinen Schadten abzutragen und das Wandl schuldtig 72 d, fragt Herr Richter.

23) Item wier ruegen auch daß einer dem andern Fridt soll geben, wann man fexnen soll, bey schönen Weder acht Tag, bey großen Ungewitter vierzehen Tag, wehr das nit thätt, der ist das Wandl 72 d [schuldig], fragt Herr Richter.

24) Item es soll aich kheiner in khein Veldt schlagen unzt daß die Frucht auß dem Veldt khomben, wehr das nit thätt, der ist zu Wandl 72 d [schuldig], fragt Herr Richter.

25) Item [wier] ruegen auch, wer an seinen Schadten begreifft, und thuet in [ein?], so haben wier das Recht, daß jeder die Pfandt mag behalten unzt an den dritten Tag, khombt der und will das loß, so soll[en] wier im außgeben, wehr aber daß er nit auß wolt nemben, so soll ers dem Ambtman anbiethen, und der soll es halten ainem umb sein Schadten und der herrschafft umb das Fräffel Wandl, fragt Herr Richter.

26) Item wier ruegen auch, on ainer ainem Viech einthätt, und er biß ohn Willen auß, der ist under die Dachdropfen hin in das Fräffel Wandl 6 ß 2 d und auß den Dachtropfen herauß auch das Fräffel Wandl 6 ß 2 d [schuldig] fragt Herr Richter.

27) Item wier ruegen auch, daß ein jeder Pan Zaun soll haben drey Schuech, und auf den dritten soll er sehen [stehen/säen?] und soll Winter und Sommer friden fragt Herr Richter.

28) Item wier ruegen auch, daß ain jeder Pangraben haben soll, sieben Schuech nach der Weith und soll darauf graben und fridten Winter und Sommer, wehr das nit thät, der ist zu Wandl 72 d und den andern seinen Schadten abzutragen [schuldig], und das Pämb (stundten) im Zaun oder im Graben stundten, die den Schadten thätten, und soll die stunden am dritten Jahr darff er das Holz so führ oder Nizers…..? wer das nit halt, der ist das Wandl 72 d und dann sein Schadten abzutragen [schuldig]

fragt Herr Richter.

29) Item wier ruegen auch, wann [ainer] ain Stoßfelber sezt, der soll innen und außen eines Schuech lang von dem Zaun hindan stehen.

30) Item [wier ruegen auch] ob ainer Zaun anbindt, und ain ander[er ?] die With abfriedt oder ledigt, der ist zu Wandl 72 d und den andern sein Schadten abzutragen [schuldig], fragt Herr Richter.

31) Item wer ain Zilln außhackht (aushängt?), ein Iner 12 d, ainer außer 72 d zu Wandl, fragt Herr Richter.

32) Item wier ruegen auch, wer Gras abschneidt, ain an seinen Willen, ain Inner 12 d, ein außer 72 d zu Wandl, fragt Herr Richter.

33) Item wer ainen Resslstecken ? auszeucht ohn Willen, der ist das Fräffel Wandl [schuldi], ain Inner 72 d, ain Außer 6 ß, 2 d, fragt Herr Richter.

34) Item der ain Zaun aufbricht ohn Willen, der ist von jeden Steckhen ein Inner 12 d, ein Außer 72 d [schuldig] fragt Herr Richter.

35) Item wier ruegn, wer zuckht und nit schlecht [=schlägt], der ist in die Schaidt 12 d und 12 d auß der Schaidt [schuldig], schlecht er aber, ain Inner 72 d, ain Außer 6 ß, 2 d.

36) Item wehr schlecht mit der Faust, der ist zu Wandl, ein Inner 72 d, ain Ausser 6 ß, 2 d [shculdig].

37) Item wehr schlecht mit flacher Handt, der ist zu Wandl ein Inner 12 d, ain Ausser 72 d [schuldig] fragt Herr Richter.

38) Item der mit ainem Stain wierfft, ein Inner oder ein Ausser, der ist zu Wandl 5 Pfund Pfenning [schuldig], fragt Herr Richter.

39) Item wehr Pein (Bienen) hat, und ihm ein Schworbn abgehet, der soll mit dem Dengl nachgehen, legt er sich an einen fruchtbaren Paumb und man das Zweil abschlegt, soll er auf das Zweil legen ein Laub (=Lab ?) und ain Kheß, die 12 d wehrt [sind] oder 12 d und ist darumb nit mehr schuldtig, fragt Herr Richter.

40) Item wier ruegen auch und haben das Recht, wan uns ein Müllner nit recht mallen wollt, daß wier den Schlüßl abziehen und selber mallen, fragt herr Richter.

41) Item wier ruegen auch, wer Khandl und Ellen und Mezen hat, der soll das pringen in das Thäting, wer das gerecht hat, dem soll dabey lassen bleiben, wer aber nicht gerecht hat, der soll geben zu Wandl 72 d.

42) Item wier ruegent, ob ainer Holz abmaißt und ainem andern auf seinen Grundt füell, das soll er hindan raumen vor St. Geörgentag, [erg: wer es nicht tut] der ist zu Wandl 12 d [schuldig] fragt Herr Richter.

43) Item wier ruegen auch, ob ainer ainen Stoßfelber abhackht, der ist zu Wandl [schuldig] ain Inner 12 d, ein Ausser 72 d, fragt Herr Richter.

44) Item wier haben das Recht, ob ain Ausser oder Inner ein Grundt verkhauffen wollt, der soll den anfaillen ainem in der Herrschafft, oder zuforderist einem Ambtman, und sollt ihm der Grundt abkhaufft werden unter 14 Tagen und nach Rath gueter Nachbarn; beschieht aber das nit, so mag er den Grundt verkhauffen wem er will, ainem Aussern oder Innern.

45) Item wier ruegen und melden auch, daß alle Verhandlung [=Gerichtsstand] gehört zu der Vest Herrschafft Freyenstain.

Seisenegger Banntaidingbuch (1413 / Erg. 1448)

NÖLA, Schloßarchiv Seisenegg, Lade 17, A.Sign.Nr. 162

fol. 1-12:

Hie in dem Thaill ist vermerkht der Herrschafft und Landtgericht zu Seyßenegg Recht, wie es erkhanndt ist.

(1) Item man soll umb khainerlei ansprach auß der Herrschafft nicht khomen. Sondern von der Herschafft Seißenegg Urtaill und geding erledigen. Außgenomen Lehen die gen wo das rechtlich sey. Darumb ist geurtailt und gesprochen, daß man umb kainerley ansprach aus der herrschafft nicht komen soll. Geschäch aber daß ainer dingt, das soll er thuen für den Pfleger zu Seyßenegk und ob im die urtaill nicht gevolgt wäe, so mag er woll gedingen für den rechten Grundtherrn der herrschafft. Also daß die selb urthail her wider in die schrann käm und darnach gesprochen was Recht sey.

(2) Item es soll niemandt in der obgenantten herschafft kain wildpan in pestandt weyß hinlassen, weder fugkhs, hüener, hasen, leimpaum noch kainerley wilpratt. Aber was ein erber man, der da zue geporen ist mit einen knechten, die täglich in seinem prott und lon sein, erjagt angeverd, das mag er woll thuen. Aber die herschafft hatt das zu verlassen, Das ist also geurtailt und zu Recht gsprochen, ausgenomen wer vonn alter Rechtleich willpan darinn hatt.

(3) Item es soll niemandt kain pan wasser in der herschafft haben den was von alter zu den geschlössern gehördt, die in der herschafft ligen. Darumb ist geurtailt und zu Recht gesprochen, daß das niemandt also haben sull, er hab es denn mit alter guetter gewer und gewonhaidt her pracht, das er wissentlich gemachen mag oder urkhundt darumb hab.

(4) Item ob ain deup in der herschafft säss oder wär, der in der herschafft nicht herrn noch ambleutt hiett. Wie des ain landtrichter rechtlich bekomen sull, darumb ist geurtaillt und zu recht gesprochen. Sitzt der herr oder ambtman in solicher nähendt pey der herschafft, daß in des Landtrichters pottschafft ain tags belangen müge und dem Landtrichter die selb pottschafft des selben tags her wiedr komen mag, so soll in der landtrichter vordern und im auch anverziechen geantwordt werden

als vor umb solich sach gemelt ist. Darauf mag der Landrichter den deup wol beschitzen daß er im nicht entweich. Möcht er aber den Herrn und Ambtman in ainem tag nicht pegreiffen noch erlengen oder mit voderung verzogen wurdt, so mag der landtrichter woll nach im greiffen.

(5) Item ob ain landtrichter ain flüchtigen deup ankhäm und entrunn im in ain hauß, wie ain landtrichter des bekomen sull……

(6) Item ob ainer erschlagen wurdt von dem landtgericht darnach ain landtgericht griff, was darumb recht sey………….

(7) Item ob aber ainer erschlagen wurdt ann kirchtägen, märckhten oder hochzeiten, söllen die thätter das tottenwandl schickhen dem landtgericht in dreyen tagen pey sunnschein, thuen sie das nit, seyn si dem landtgericht verfallen 32 Pfd. Pfenning und der freundtschafft als Recht ist.

(8) Item wie ain landtrichter nach ainem kirchpruecher oder straßenrauber greiffen sull…..

(9) Item wer ainen erschlecht in ainer behaußung in seinem pett oder an seinem tisch, wes er darumb schuldig sey……

(10) Item wer ainen aus seiner behausung pey tag oder nacht suecht und in dar aus vodert in unzichten, was darumb recht sey………

(11) Item wer ainen gatern zuepintt und in zw todt schlecht oder verwundt oder jagt, was recht sey……

(12) Item wer ainem in ainem holtz fürwartt und zw todt erschlecht oder verwundt, was darumb Recht sey…….

(13) Item wer handtfridt bricht, die frumb leutt machent, was recht sey darumb ist geurtailt und zw recht gesprochen, wer es thuet, der ist dem landtgericht verfallen der handt.

(14) Item wer Rainstain ausgrebt und näher wirfft oder Rain umgrebt……

(15) Item wer Pelzer, Pelzstöckl oder geschlacht paum abschlecht oder ausgrebt pey tag oder pey nacht …..

(16) Wer Junckhfraun oder ander fraun irer eren peraubt an iren willen……….

(17) Item wer neww infangkh macht, was darumb recht sey………

(18) Item wer unrecht wag, mass und ellen und alle falsch weren….

(19) Item ob ainer erschlagen wiertt oder ob ainer an im selber schuldig wurdt und an des landtgericht willen näher käm, was darumb recht sey……daß man den nit näher bringen soll…

…khein Todte person solle ohne des Landgerichts Vorwissen gehoben werden.

(20) Item All droer, die die leutt wider Recht anvallendt, was dar umb Recht sey…..

(21) Item wer ainem sein elich weib verfuertt fräfflich…..

(22) Item wer phenning suecht (Anm: “Thesauri”), grebt oder vindett….

(23) Item wer verstollen guett kauffet oder wissentlich in sein gewaltt hatt oder mitthabent…

(24) Item wer ainen deup wissentlich in seiner behausung behältt…..

(25) Item ob ain deup auff ainen sagt ungenött da vor nichts übels von gehördt ist….

(26) Item ob ainer ain valschen aydt schwuer oder schweren wollt…..

(27) Item wer lugzeug sagt oder schwertt…….

(28) Item ob ainer ain guett hinder ainem anderen herren hat und nicht heysslichen auf dem selben guett sizet, wie der herr den selbigen hinder sich pringen soll oder stifft…..

(29) Item ob ainer, es wär wirt oder Innmann, aines anderen scherm oder vogt annäm dan da er hinder sizet, was darumb recht sey……

(30) Item wer ledig khnecht schermen oder verantwurten soll……

(31) Item ob ainer ainem landtrichter aines Todtenwandl oder schlagwandl schuldig wurdt, wie er des von dem selbingen bekhommen soll……

(32) Item ob ain man dem andern ainer beschau nit statt wolt thuen, wie ain man der beschaw bekhomen soll…

(33) Item ob ainer ain deupp fieng, wie er den zw gericht pringen soll…….(Anm: ein diep soll man zum landtgericht bringen mit all dem daz man bei ihm begreifft)

(34) Item ob ainer ain Innzicht auf ainen legen woltt, wie sich der selbig bereden soll…

(35) Item ob sich ain mensch selber hyenng, ob den ain annder an gerichts willen abschlueg….

(36) Item ob ainer in der herrschafft guett hatt und selber nit darinnen sizet, wo der recht darinnen besizen soll….

(37) Item ob ain Ungelter ainem leitgeben zuesperret auff dem land, und der leydgebb selber aufsperret, was darumben recht sey…..

(38) Item ob ain weber die recht maß, lenng und praitt auf allem tuech nit hiet und damit begriffen wurdt….

(39) Item ob ainer in der Landtschrann ain guet behueb und des an nutz und gewerr gesezt wurdd und daß sich ainer selb an nutz und gewerr setzet…..

(40) Item ob ainer guett fundt auff ainer strassen und woltt es nicht widdergeben…..

(41) Item ob ainer den annderen Snachts anschlueg (nächtens anklopfen)……

(42) Item wer ain ligent holtz hinfüert……..

(43) Item ob ain Mullner begriffen wurdd der zwen schlüssel zu ainer müllthüer hiet oder zwenn müll metzen das ainer größer wer dann der andere oder paitt nit gerecht wären……..

(44) Item ob ain deupp ainem sein guett verstollen hiett und der deupp wurdt gefangen und khäm für recht, und würd er gericht und sturb…..[unrechtmäßig einbehaltenes Diebsgut eines hingerichteten Diebs]

(45) Item die da ungewönnliche Strassen zyechen und nicht khomen an die rechten Mautstett…..

(46) Item wie man Panzer, Armbst, verporgene Heybelb, Spieß, Langmesser, Wurffhackhen weren soll. Darumb ist zu Recht gesprochen, daß das ain landtrichter überall auf den märckhten und für den Pharrkirchen verrueffen soll lassen. Und nach der verrueffung mag und soll es der landtrichter woll nemen auff den märckhten und vor den khirchen oder zu Veldd, wo er es mag ankhömmen.

(47) Item die newen ungewönndlichen Urfar, die vor von alter nit herkhommen sein, da man Traidt und annder ding überfuertt und khommt nit an die recht Mautstett, was darumben recht sey und wie man daß werren soll….

(48) Item wie man allen fürkhauf auf dem Landt und in der Herrschafft weren soll, darumb ist zu Recht gesprochen, daß der landtrichter allen fürkhauf in der Herrschafft verrufen soll lassen. Wo man dan den fürkhauf nach der verruefung annkumbt, die soll ain landtrichter darumben aufhalten und anfallen.

(49) Wer Zinß auf Kästen aygen, wes sich der darauf halten soll, oder wes er recht hab…

(50) Item ob ainer in der herrschafft gesessen wär auf ainem guett und woltt erben, und ließ ain guett verkauffen, versetzen, vermachen, und verschwaig das und wollt dann fürbaß auf das selbig guett nach erbschafft sprechen…..

(51) Item ob ainer wider Brief sprechen und widerredt haben wolt, oder ainen erbern man in sein sigill reden wolt…

(52) Item ob ain Mann ain prief von erbenn hiett umb welcherley sachen daß wär, und denselbigen prief verlur….

(53) Item ob ainer ainen in der herrschafft vieng und gäb im schuldt, die im an seinen leib und leben gieng, und richtet darumb an gerichtes willen….

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Nachtrag 1484 (ab fol. 13) – damals ging die Herrschaft u. Pflegschaft als Pfandgut an Andree v. Lappitz über, der Seisenegg dann 1491 käuflich erwarb. Die Wallseer sind 1483 ausgestorben.

Landgerichtsgrenzen

Hienach ist vermerckht das Landtgericht zu Seyßenegg, die March und Örter wie weit es gehet. Nämlichen wie es Herr Wolfgang von Meyllessdorff vor vierzickh Jarren, sein Vatter vor sechzickh Jarren und andere Pfleger vil gebraucht und gehandlet haben, und zum letzten Wolfgang Greyßenecker innengehabt und in Namen Graff Georgen von Schaunberg Herrn Andreen Khrabatt von Lappitz abgetretten und überantwort hat – mitsamt dem Püechlein und andern Urbar Registern.

Ist beschehen an Sand Merten Tag, da man zahlt nach Christi geburt Tausent vierhundert und in dem vierundachtzigisten Jahr.

(1) Item von erst gehört das landtgericht gen Seyßenegg biß an das Pächl, das man nennt die Gräßnitz, das darinnt unerhalb des Plintenmarckht beim Kalchofen……[Land zw. Donau u. Ybbs] (siehe eigenenText….)

(2) Item mer ain Ortt des landtgerichts das sich anhebt, als man zu Amstetten durch den Furth reit, oberhalb des Kalchofen und wol unterhalb der Wier, da hebt es sich an mitten auf die Ybbs, und nach der Ybbs hinauff unzt für Müllaw….hinüber auf Dippelsdorf und wert hinab bis Hiernbach (Hömbach?) bis gen Mitterfeld und geht daselbst auf des ganaister hofstatt und an die Gründt am Rätzing und als weit der Frauen von Erlakloster gründt sein auf Winklinger Aygen (Winklarn) gehörtdt das LG alles gen Seyssenegg.

(3) Item mer ain Ort in dem Amt zw Allhartsberg, das des von Melkh ist und ligt under dem Sumbtagperg und als weit des von Melkh gruentt und güeter sein des selbing ambt gehörtd das landtgericht gen seissenegkh.

(4) Item mer ain Ort das sich anhebt zw Kematen auff der pruckhn und wertt hin auff nach der ybs mitten bis auf für Gleiß, bis zum Gerstlein mitten auff die pruckhn und vom gerstlein hin auff den Sumbtagperg und der Sumbtagperg ist auch im landtgericht und wert hin auff in das Winthag und nach der ybs hin ein auff die zell und zw waydhoffen mitten auff di prukchn und wertt hin auff nach der ybbs hin ein für den offenperg und werdt hin auff opponitz, Opponitz ist auch im landtgericht und von opponitz hin ein gen sandt Jörigen am Reutt und wert hin nach der ybs bis gen luntz vnd all ander gründt und gueter vogtleut und ander hollden, die gen gleyß gehören, ist alles in seyßenegkher landtgericht.

(5) Item mer ain Ortt in der herrschafft ewsitz, die dem von seiterstetten zwgehören als weitt die gruendt und güeter werren in dem ambt zw ewsitz im markht und außerhalb des markht gehörtd alles mit landtgericht gen seyssenegkh.

Vermerkht die Todtenwänndl in dem landtgericht gen Seyssenegg in allen Örttern, in jeden Ort sunderlich wie man es bei den Herren von Walsee je und je von alter her gehandlet und gebraucht hat, als hernach volgt:

Item von ersten in der herrschaft Seißenegg zwischen der Donau und der Ybbß, bringt das Todtenwandl, wer es verschuldt 6 ß, 2 Pfenning, ist von alter her alweg geruegt, gebraucht und gehalten.

Item des Klosters Leut zw Ardagger bringt ir Todtenwandl…72 Pfennig, in dreyen tägen zu schickhen bey scheinenter sunn, als hat man es von alters er alweeg geruegt zu Ardagger im Marckht.

Item ain ander Ort auff Winklarn Aygen enhalb der Ybß, der Frawen von Erlakloster guetter…72 d.

Item das Ambt Alhazperg…75 d.

Item in gleyßer herrschafft … 72 d.

Item das Ambt und Marckht Ewsitz…6 ß, 12 d.

Item…wer sein Totenwandl nicht schickht in dreyen tagen bey Sunnen Scheins in das Gschloß Seyßenegg nach dem Todtschlag oder abganng des Schadthafften, der ist dem LG verfallen 32 Pfund Pfennig und der freundtschafft als recht ist.

Item wer aber sein Todtenwandl gen Seyssenegg in das Gschloß schickht in dreyen tagen pey Sunnen Scheyn, der hat sich von dem LG gefreyt, doch also daß er sich mit der Freundtschafft auch versüen und richt….

Item wo aber ainer ain Mort thät verdächtlich umb das guett, von dem selbing soll man khain Totten wandl nicht nemen, sonndern nach im trachten und mit im fahren als recht ist.

Ab fol. 44: Eintragungen des Hans v. Lappitz (+ 1536). Er verkaufte 1511 dem Abt v. Seitenstetten den LG-Anteil des Marktes Ybbsitz und Amt Sonntagberg.

Zu wissen ettlich händel, so von mir hannsen von Lappiz ritter etc. von lanndgerichts wegen gehandlt und gestrafft sein worden, damit man künftig wissen muß, ob sich in sollichen oder dergleichen fällen Irrung zutragen wolte, wie es bey mir gehalten und von alter her khomen ist.

1521

Item der alt Strumer zu gleiß ist inzicht gewesen umb ettlich wagn gschirr Eyßn, den ich von Landtgerichts wegen erfodern hab lassen, aber durch fürpett der Schirmerin, die dan Gleiß der Zeit Innengehabt, und pangratzen Kreßling der Zeit Pfleger zw Weidhoffen, ist die sach auf acht gulden, die mir gereicht sein worden, in Vertrag khumen. Actum ungefärlich im 21 Jar [1521].

1525

Item hat sich ain handl begeben n. Keller betreffent, Inhalt hie beyligents sendbrieff von Symon Geyer, Welcher Keller mir überanttwort ist worden und nachfolgent hie zu Seyßenegkh auf fürbett Symon Geyer und anderer erbar leutt vertragen [verglichen] worden. Actum ungefärlich im 25 Jar.

1531

Item mer hat der wirt zw Kollmitz mit Namen N. Weygl am Sand Ulrichstag im 31 Jahr meinen Jäger Steffan Gauster zu Kollmitz in der Tafern mit einem Spieß angeloffen und heraßen vor dem Hauß verwundt, deßhalben ist der…..Peinwalt der Zeit Pfleger zu grein an stat des Vogt des Stift Ardakher kloster und zween chorherren vom kloster mit Inen zu mir gen Seysenekh khumen und sich anstat des wirts ist mir umb 5 pf.d so mir geraicht worden sein vertragen [verglichen] und dem verwundten für sein schaden auch

5 Pfd. Pfennig gegeben worden. [Gerichtstaxe erstattet und Schaden beglichen].

1535

Item am Montag…….anno 35 ist mir, Hansen von Lappitz, der Hanns Hoffer sambt ainem weib, Kätterl genant, des Peter im Halbperschlag eelich weib gewest, weliche zwe personen den oberwänten Peter böslichen ermordt haben, und miteinander wekhzogen sein, zu gleiß von landtgerichts wegen überantwortt worden, und das geltt was sy beeder bey inen gehabt, nämblich auff 6 ß und ettlich d, auch wie sy mit gürtl umbfangen gewest, zu sambt dem gewondlichen Penfall und Wandl auff ain person 72 d der Pfleger zu Gleiß den Gefangenen am Halls gehangen und alles miteinander, was bey inen gefunden, meinem Landtgericht Seyssenegkh überantwurtt hat.

Item am mittichen nach Georgi Anno 35 ist mir, hannsen von Lappitz der Hanns Pfeningschnabel, den man auch den Ainörller genennt, durch den Ambtman von Alarzperg alls ain streyffender Übelthätter in mein Landtgericht Seysenegkh überanttwurtt worden, und auch alles, was bey ime gefundten, namblich auf 18 ß d gellt und mit ime überanttwurt hat.

Die oberwänten zween personen, der hanns Hofer und Hanns Pfenningschnabel sein zu Seißenegkh am freitag vor philipy und Jacobi Anno 35 durch fürbet mit dem schwerdt gericht worden und nachmalls alle zween mörder auf die Reder gelegt worden. [Vermutlich Begnadigung anstelle der damals für gemeine Möder übliche Strafe der Vierteilung].

Eintragung des Cornelius v. Lappitz (+ 1562)

1561

Den 20. Tag Monats Augusti, 1561 (Cornelius war Protestant, am Datum erkennbar, kein Heiligentag!) ist mir, Cornelius von Lappitz zu Seysenegkh etc., Tessl am Schoberstein in Alatzperger Pfarr als ain Todtschäger durch den Ambtmann zu Alazperg in mein Landtgericht überantwort worden samt 72 d am Hals hengent.

1583 (Margarete/Marusch Lappitz)

Den 22. Aprilis hat herrn Reichardten Streins underthan Hanns Haß des Christophen Laspergers Vogtuntertan Hannsen Schaller beim Wirth zu Leutzmanstorff mit ainem haggenstreich im Kopf verwundt, darüber er Schaller in ….stat gestorben. Und weil Laßperger den Thäter alspalt fännkhlich angenummen, hat er mir denselben am 3. Tag von Landtgerichts wegen mit 72 d bey seinem Süz zu Leuzmannsdorff vor dem gattern, der nägst dabey ist, yberantwort ……. Wolf Spiegler, Pfleger in Seisenegg, 26. April 1583.

************************

Zur herrschaftlichen Rechtspflege im Mittelalter

und in der frühen Neuzeit

Begriffsklärung:

Weistum = Rechtsweisung, die auf amtliche Anfrage von glaubwürdigen und rechtskundigen Männern über geltendes Gewohnheitsrecht erteilt wird.

Recht wurde anfänglich nur mündlich gewiesen. Durch jährlich regelmäßig wiederkehrende öffentliche Verlautbarung im Rahmen verpflichtender Gerichtsversammlungen (Banntaidinge) sollte sich das Recht ins Gedächtnis derer einprägen, für die es geschaffen war.

Aber eine ausschließlich auf dem Erinnerungsvermögen basierende Jurisdiktion barg immer gewisse Unschärfen in sich und eröffnete auch viele Möglichkeiten zur Manipulation. Daher ging man im Spätmittelalter generell dazu über, das ursprünglich durch Frage und Antwort gewiesene Recht in den so genannten Taidingbüchern schriftlich zu fixieren: häufig vorkommende Rechtsfälle mit angefügten Musterurteilen.

Gerichtstag und Gerichtsversammlung wurde als Taiding ( = Tage-Ding) bezeichnet.

Im Germanischen war “thing” ursprünglich ein Zeitbegriff: der festgesetzte Zeitpunkt.

Zum Thing versammelte sich das Volk, um Recht zusprechen, den Fürsten zu wählen, über Krieg oder Frieden zu entscheiden, also wichtige Angelegenheiten zu erledigen. (Das dänische Parlament heißt heute noch “Folkeding”)

Der Begriff Ding hat sich später erweitert > eine beliebige Angelegenheit, Sache…

Bann – Taiding = das Taiding stand unter Banndrohung, war ein Gebot, eine unter Strafe gestellte Verpflichtung zum Erscheinen aller zugehörigen Personen. Es herrschte Ding-Pflicht.

Es gab nun verschiedene Arten von Taidingen:

a) Grundtaidinge: Dorf-, Markt- und Stadt-Taidinge ( Niedergerichte)

b) Landgerichtstaidinge, die eine Sonderstellung einnahmen (Hohe Gerichtsbarkeit)

Ablauf des Taidings:

Die Taidinge liefen nach einem strengen Ritual ab. Sie fanden im öffentlichen Raum statt, auf freiem Feld, am Dorfplatz, Kirchenplatz, später auch in geschlossenen Räumen. Die Plätze sind meist nicht überliefert.

Die Mitglieder des Taidings waren von der versammelten Gemeinde durch die sog. Schranne (= durch hölzerne Schranke eingefriedeter Raum mit Sitzplätzen) abgegrenzt.

Die Schranne war besetzt mit rechtskundigen „ehrlichen Männern“ (=Schöffen), in der Regel 12 an der Zahl.

Den Vorsitz führte der sog. „Richter“ – kein Richter im heutigen Sinn, sondern nur der Leiter der Taidings-Versammlung (Dorfrichter, Marktrichter oder Vertreter des jeweiligen Grundherrn).

Dann gab es noch den sog. „Vorsprecher“, der die urspr. frei aus dem Gedächtnis gesprochen hat, später die einzelnen Artikel des Taidingbuches nur mehr verlesen hat. Nach jedem Artikel stellte der Richter an die Schöffen die Frage, ob dies dem alten Herkommen entspreche und Recht sei.

Der Ablauf des Taidings zerfiel in 3 Teile:

  1. Rechtsweisung (Verlesen der Artikel)

  2. Judizierung vorliegender Fälle

  3. Besprechung von aktuellen Gemeindeangelegenheiten

Am Ende des Taidings musste den Mitgliedern der Schranne ein zünftiges Taidingsmahl verabreicht werden, wozu von jedem Mitbürger der sog. Mahlpfennig eingehoben wurde.

14 Tage nach dem Taiding wurde ein Nachtaiding abgehalten, wo Berufungen eingebracht werden konnten, Beibringung von Zeugen etc.

Ursprünglich waren 3 Taidinge pro Jahr die Regel, im Lauf der Zeit hat man sie vielfach (meist aus Kostengründen) auf 1 Termin reduziert.

Bedeutung der Taidinge

Das Taidingwesen des ausgehenden Mittelalters bot allen Untertanen einen gewissen Schutz vor herrschaftlicher Willkür. Die Rechte der Untertanen, aber auch deren Pflichten und Schuldigkeiten gegenüber der Herrschaft sind genau aufgelistet. Immer wieder beruft man sich dabei “auf uralt Recht und Herkommen”.

In der Vorstellung des mittelalterlichen Menschen basierte jegliches Recht auf der göttlichen Weltordnung, es war also transzendentalen Ursprungs und damit sakrosankt und uralt! Infolge menschlicher Unzulänglichkeit und durch den Einfluss des Bösen konnten allerdings einzelne Teile des alten Gewohnheitsrechtes in Vergessenheit geraten, entstellt und falsch angewendet werden. Daher war es Pflicht aller gutgesinnten Menschen – im besonderen der Obrigkeit (Gerichtsfunktionäre und Schöffen) – das “uralt Herkommen” von Rechtsprinzipien gegebenenfalls wieder neu zu finden und zu weisen.

Mit Anbruch der Neuzeit und dem Erstarken absolutistischer Tendenzen ab dem 16. Jahrhundert ging auch der Glaube an eine gottgewollte Rechtsordnung und seiner Unabänderlichkeit allmählich verloren. Die Herrschaftsbesitzer begannen die Taidingbücher zu renovieren, indem sie einzelne Artikel löschten, ergänzten oder abänderten. Die meisten Taidingbücher des 16., 17. u. 18. Jahrhunderts enthalten daher ein Konglomerat von lokalem Gewohnheitsrecht, herrschaftlichen Rechtsgeboten und landesfürstlichen Verordnungen.

Für die Taidingbücher gab es übrigens recht unterschiedliche Bezeichnungen:

Banntaiding, Ehaft Taiding (= echtes Taiding), Rügung (= Weisung), Gerechtigkeit, Freiheit, Rechte, Gewohnheiten, Meldung…

Inhalte der Taidingbücher

In erster Linie sind es Regeln und Verordnungen, die ein friktionsfreies Zusammenleben der jeweiligen Gemeindemitglieder im Rahmen der damals geltenden religiösen und moralischen Wertvorstellungen ermöglichen sollte.

Auffällig ist, dass die Texte in den seltensten Fällen inhaltliche Ordnungskriterien aufweisen. Die Artikel sind zwar meist nummeriert, laufen jedoch inhaltlich kreuz und quer durcheinander.

Genaue Beschreibung von Burgfrieds- und Landesgerichtsgrenzen (Fundgrube für Orts- und Flurnamenforschung);

Verordnungen über Maße und Gewichte, Mauten und Zölle;

Feuerpolizeiliche und hygienische Vorschriften;

Regelung von Rechtsgeschäften;

Breiter Raum ist in einer Agrargesellschaft natürlich der Landwirtschaft gewidmet:

Bestellung der Äcker und Felder, Viehhaltung, Einfriedung der Grundstücke, Nutzung der Wälder, Jagd, Fischfang (herrschaftliche Vorrechte!).

In den Märkten spielen selbstverständlich Verordnungen über das Handwerk eine große Rolle.

Unantastbar war die Schutzzone des eigenen Hauses, das als Freiung galt, quasi ein geheiligter Bezirk war, in dem niemand Fremder eindringen durfte, auch nicht der Landrichter, wenn er einen Dieb verfolgte. Jeder Eindringling, auch der Horcher an der Wand, konnte vom Hauswirt straffrei getötet werden.

Besondere Aufmerksamkeit (mit oft kuriosen Details) wird in vielen Texten den Wirtshäusern geschenkt!

Umfangreich und vielfältig sind die Artikel über die verschiedensten Kriminaldelikte wie Diebstahl, Raub, Totschlag, Körperverletzungen, gefährliche Drohung, Meineid,

Grenzfrevel, Baumfrevel etc.

Für jedes Delikt war ein exaktes Strafausmaß, das so genannte „Wandel“, festgeschrieben (z.B. „Totenwandel“, „Zuckwandel“, „Schlagwandel“ …)

Das große Wandel: 6 ß, 2 Pfennig = 182 Pfg. (z.B. Hausfriedensbruch)

Das kleine Wandel: 72 Pfennig (z.B. Beschädigung einer Einzäunung))

Die Tarife waren in allen Gemeinden annähernd gleich.

Sprache und Quellenwert der Weistümer:

Die Weistumstexte sind heute für den Laien oft schwer oder kaum verständlich. Sie sind nicht wie Urkunden und Akten in herrschaftlichen Kanzleien in einer damals üblichen Schriftsprache verfasst, sondern in der jeweiligen regionalen Vulgärsprache der Untertanen. Viele Ausdrücke und Wendungen sind ohne Glossar nicht verständlich.

Die Geschichtswissenschaft hat bereits ab Mitte d. 19. Jahrhunderts die Weistumstexte als wichtige landeskundliche Quellen in kultur-, rechts- und sprachgeschichtlicher Hinsicht erkannt und systematisch zu sammeln begonnen. Die niederösterreichischen Weistümer wurden 1886 -1913 von Gustav Winter im Auftrag der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften ediert.

Die Sammlung umfasst 765 Handschriften für 561 Orte.

Auf das VOWW entfallen 232 Weistumstexte in 143 Ortschaften.

Die veröffentlichten Weistümer des Bezirks Amstetten

Der Bezirk Amstetten ist in der Winter´schen Edition mit 21 Ortschaften vertreten.

Die Titel lauten:

Gerechtigkeit und Meldung der Herrschaft Freydeck (1450)

Banntaiding zu Eisenreichdornach (16. Jh.)

Banntaiding bei der Hft. Seisenegg (nur kurzer Auszug aus einer Abschrift 1591)

Banntaiding des Marktes Amstetten (Ende 15. Jh.)

Rechte im Burgfried zu Oed (1536)

Taidingsrechte und Freiheiten des erlaklosterischen Amtes Winklarn (1625)

[Erklärung: Das Gebiet südlich der Ybbs zwischen Amstetten und Ulmerfeld unterstand als „Amt Winklarn“ dem Benediktinerinnenkloster Erla]

Banntaidinge zu Ulmerfeld (1555, 17. Jh.))

Rügung zu Allhartsberg (15. Jh.)

Ehhafttaiding der Herrschaft Gleiß (16. Jh.)

Banntaidinge zu Waidhofen an der Ybbs (1500, 1543)

Ehhafttaidinge zu Hollenstein und Göstling (1504, 1533)

Taidinge zu St. Peter in der Au (1498, 1570)

Taidinge des Stiftes Seitenstetten (2 Texte aus dem 16. Jh.)

Markttaidinge zu Ybbsitz (5 Texte: 1484, 16. Jh., 1589, 1640, 1643)

Gewohnheiten und Rechte des Gotteshauses Ardagger (16. Jh. > recte 15. Jh.)

Taidinge zu Niederwallsee (1483, 1705)

Freiheit des Pfarrhofes Sindelburg (1531)

Taidinge zu Strengberg (4 Texte: 15. Jh., 16. Jh., 1553, 1560)

Taidingsrechte und Freiheiten des Erlaklosters (1625, 1640, 1724)

Die vier ehhaften Taidinge zu Salaberg (1523)

Bekannt waren im 19. Jh. auch noch Weistümer der Dorfgerichte zu Zeillern, Stephanshart, Opponitz und Windberg in der OG. Sonntaberg. Diese Texte sind leider verlorengegangen.

Mit den Weistümern des Bezirks Amstetten beschäftigte sich auch der ehemalige Amstettner HS-Lehrer Ferdinand Adl (u. a. Herausgeber der Sagen aus dem Mostviertel) in seiner Broschüre “Alte Weistümer aus Niederdonau”, Bd. 36 der Schriftenreihe für Heimat und Volk, St. Pölten 1941.

Die unveröffentlichten Weistümer des Bezirks Amstetten

1.) Das Seisenegger Landgerichtstaiding 1413/1484

Winter führt zwar die Existenz eines Seisenegger Taidings an, kann den Text jedoch nicht vorlegen, weil die Hft. Seisenegg die Einsichtnahme in das Archiv verweigert hat. Winter formuliert diese Tatsache mit folgenden Worten:

Dem Ansuchen der kaiserlichen Akademie d. Wissenschaften um Darleihung der Handschrift des Landgerichtstaidings von Seisenegg aus dem Jahre 1413, die im freiherrlichen Schloßarchive daselbst liegt, ist nicht willfahrt worden”.

Ferdinand Adl ist dem Seisenegger Taiding einen Schritt näher gekommen, er konnte immerhin einen kleinen Ausschnitt daraus publizieren, nämlich die Beschreibung der Landesgerichtsgrenzen der Hft. Seisenegg, wobei u. a. die Erstnennung des Namens Sonntagberg aufscheint. Adl vermerkt hiezu: “Übrigens ist dieses älteste Weistum des Kreises Amstetten noch nicht veröffentlicht, ich verdanke dessen Abschrift meinem Kameraden Alexander Albrecht und dem Entgegenkommen der Gutsherrschaft Seisenegg”.

Im Jahr 1990 wurde das bis dahin private Seisenegger Schlossarchiv vom Land NÖ angekauft und befindet sich seither wohlgeordnet im NÖ Landesarchiv, womit auch das wertvolle Banntaidingbuch dem interessierten Historiker zugänglich ist:

Pannthaidung bey der Herschaft Seissenegg de Anno 1413“ (NÖLA, Schlossarchiv Seisenegg, Lade 17, Alte Sign. Nr. 162)

Innerhalb aller überlieferten Weistumstexte nimmt das Seisenegger Taidinbuch eine Sonderstellung ein, da es sich nicht nur um ein herrschaftliches Grundtaiding, sondern zugleich um ein Landgerichtstaiding handelt.

Wie aus dem einleitenden Text hervorgeht, ist hier quasi der Geburtsakt des Landgerichtes Seisenegg genau festgehalten:

Vermerckht die offnung und erkantnuß in der landtschrann.

der herschafft Rechten zw der freinstatt vnd seyssenegkh

ist geschehen zw gallneukirchen

des erchtag in der anderen vastwochen

anno domini tausent vierhundert vnd in dem dreytzechenden iar.

des selben tag sein ann der schrann gesessen die hernach benandten

von der herschafft freinstat vnd von der herschafft Seyssenegkh

edelleutt, ambtleutt vnd ander gemain leutt,

ein mich tayll als nämlich erlich vom adel mitt namen hernach benandt seind:

item zum ersten hanns laßperger schenckh

item hannß galsperger

item pilgreim walich

item wolffgang gallsperger

item kunratt kresling

item peter greyßnegker

item ulreich schweinpeckh

item sighardt schweinpeckh

item hanns granperger

item eberhardt sintzendorffer

item harttneutt stainreutter

item heinrich auer

item andre grueber von lüftenbergkh

item eberhardt marschalich

item hainrich grueber

item simon volchra

item peter wischendorffer

Alle hier genannten, in der Schranne sitzenden Schöffen sind Mitglieder kleiner ritterständischer Familien, ansässig im unteren Mühlviertel, der Riedmark und im Machland. Sie fungierten vornehmlich als Pfleger, Burggrafen, Burghauptmänner, Amtleute, Pfandschaftsinhaber etc., zumeist im Dienstmannenverband prominenter Adelsgeschlechter, wie der Kapeller, Wallseer, Schaunberger und Volkensdorfer.

Merkwürdig ist der Konnex mit Freistadt und Gallneukirchen!

Die Tatsache, dass das Recht des Landgerichts Seisenegg in der Land-Schranne von Gallneukirchen in der oö. Riedmark gefunden und gewiesen wird, scheint fürs Erste rätselhaft. Bei genauerer Analyse wird die Sache aber schon klarer:

Am 14. Feb. 1413 verlieh Herzog Albrecht V. dem damaligen Inhaber der Herrschaft Seisenegg, Reinprecht II. v. Wallsee, einen weitläufigen Landgerichtsbezirk, der vormals zu den Landgerichten Enns und Peilstein gehört hatte. Es wurde somit eine alte Einheit zerschlagen und durch eine andere ersetzt, neue Grenzen mussten gezogen werden. Nicht ganz zwei Monate später, am 20. März, erfolgte die entsprechende Rechtsweisung und deren Aufzeichnung im Rahmen eines Landtaidings im oö. Gallneukirchen.

Es mussten für das neu geschaffene LG ja nicht nur neue Grenzen, sondern auch ganz konkrete Rechte festgelegt werden – und dazu benötigte man ein taugliches Vorbild in der Nachbarschaft. Dazu muss man wissen, dass der neue LG-Herr, Reinprecht von Wallsee, damals auch oö. Landeshauptmann war und besonders in der Riedmark und in Freistadt großen Einfluss hatte. Das dürfte der Grund gewesen sein, dass die Schranne für die Gründung des Seisenegger LG in Gallneukirchen eröffnet worden ist. Die dort einberufenen Schöffen rekrutierten sich – wie aus der Auflistung ihrer Namen abzulesen ist – allesamt aus den Landgerichten Freistadt und Machland. Ihre Rechtsweisungen betrafen sowohl Freistadt wie Seisenegg. Die Wallseer bekamen übrigens einige Jahrzehnte später die landesfürstliche Herrschaft Freistadt verpfändet.

(Prof. Helmuth Feigl, ehem. Landesarchivdirektor, mit dem ich diese Materie einmal besprochen habe, bezeichnet die Genese des Seisenegger LG überhaupt als einen „Sonderfall, der besonderes Interesse verdient“.)

Das Taidingbuch listet die Kompetenzen des neuen LG Seisenegg in insgesamt 53 Artikeln auf. Dabei geht es immer wieder um die Abgrenzung gegenüber den Rechten der im LG-Sprengel liegenden Herrschaften und Niedergerichte.

Im Anschluss an diese 53 Artikel folgt dann ein bemerkenswerter

Nachtrag aus dem Jahr 1484:

In diesem Jahr ging die Herrschaft Seisenegg mitsamt dem LG an die Schaunberger und bald darauf an die Herren von Lappitz über. Die Wallseer sind 1483 im Mannesstamm erloschen.

Hier sind die genauen Landgerichtsgrenzen festgehalten,

die March und Örter, wie weit es gehet“.

In 5 Kapiteln werden alle wichtigen Ortschaften innerhalb des LG angeführt sowie die Grenzen zu den benachbarten Herrschaften: Das Gebiet zwischen Donau und der Ybbs über die Forstheide ybbsaufwärts – Gleiß, Allhartsberg, Sonntagberg, Windhag, Zell, Ybbsitz, Opponitz, St. Georgen am Reit bis Lunz. (Insgesamt 2.200 Häuser laut Urbar 1591).

Die Herrschaft Seisenegg hat allerdings später einige LG-Anteile verkauft:

1511 Ybbsitz und Sonntagberg an Seitenstetten

1605 Gleiß, Allhartsberg und Opponitz an die Hft. Gleiß

Vermerkt sind auch die sogenannten „Totenwändel“, das sind die Tarife für Totschlag, die von Ort zu Ort ganz unterschiedlich waren:

Zwischen der Donau und der Ybbs bringt das Totenwandl, wer es verschuldt, 6 Pfund, 2 Pfennig (= 182 Pfennige)“

Für Untertanen des Klosters Ardagger betrug das Totenwandl nur 72 Pfennige; es war „zu schicken in dreyen Tägen zu scheinenter Sunn, als man es von alters her alweg geruegt zu Ardagger im Markt“.

Im Amt Allhartsberg betrug das Totenwandl 75 Pfennig.

Im Amt Ybbsitz 6 Pfund, 12 Pfennig (= 192 Pfg.)

Item wer sein Totenwandl nicht schickht in dreyen Tagen bey Sunnen Scheins in das Gschloß Seyßenegg nach dem Totschlag oder Abgang des Schadhafften, der ist dem LG verfallen 32 Pfund Pfennig“ (eine ungeheuer hohe Summe: 32 x 240 = 7.680 Pfg.)

Soviel zum Seisenegger LG-Taiding.

Die beiden nächsten Weistümer führen uns in die Herrschaft Freyenstein:

2.) Taiding der Vierzehner zu Freyenstein (Abschrift 17. Jh.)

OÖLA, Domkapitelarchiv (Akten Schachtel 35, Nr. 26)

Wie kommt der Text eines nö. Weistums in das Linzer Domkapitelarchiv?

Aufgrund eines Streites zwischen der Hft. Freyenstein mit der Klosterherrschaft Waldhausen im Jahr 1647 bezüglich Fischereigerechtigkeit auf der Donau gelangte eine Abschrift des Taidings nach Waldhausen. Von dort kam es nach der Aufhebung des Klosters ins Archiv des Linzer Domkapitels. Das Freyensteiner Original ist nicht erhalten.

Die Freyhaiten deß Aigen Freynstein, welche genent werden Vierzehner“

[„Eigen“: Mittelstellung zwischen Dorf und Markt mit gewissen Privilegien]

Wer sind die Vierzehner ? Es handelt sich um 14 privilegierte Untertanen der Ortschaft Freyenstein, die in ihren Häusern entlang der Donau ausschließlich von der Fischerei und von der Schiffahrt lebten. Sie können sich darauf berufen, dass sie

mit nachfolgenten Freyhaiten von alter hero, von Khayser, Khönigen und Fürsten begabt und befreyet seint worden“:

Sie hatten das Recht, mit Salz, Eisen, Leinwand und anderer Kaufmannsware mautfrei zu handeln; dazu hatten sie zwischen Willersbach und dem Hausstein eine freie Ladstatt. Es war ihnen erlaubt auf der offenen Donau frei zu fischen – auch am jenseitigen Donauufer (daher der Konflikt mit Waldhausen). Brannte einem Vierzehner das Haus ab oder wurde es vom Hochwasser beschädigt, dann durfte er sich Bauholz aus den herrschaftlichen Wäldern nehmen.

3.) Im Freyensteiner Urbar von 1640 findet sich ein weiterer Weistumstext, der bisher unbemerkt geblieben ist (OÖLA, Starhembergische Urbare, Hs. 65, fol. 301-310): „Hie seindt vermerckht unßere Rechten, so wür haben in dem Wörth, und umb den Wörth, in dem Ambt zu Empfing, die uns ein Fürst hat geben von Österreich, zu dem Gschloß Freyenstain auf der Thonau“

Es handelt sich auch hier um alte Rechte, die die Bewohner in diesem Bereich des Strudengaues einst vom Landesfürsten erhalten haben, denn Freienstein war bis ins 16. Jh. landesfürstliches Lehen.

Zu den Privilegien zählten auch hier Maut- und Zollfreiheit, freie Überfahrt über die Donau (ohne Fergen) und damit verbundene Handelsmöglichkeiten.

Zur Abgrenzung des Gebietes „in dem Wörth und um den Wörth, in dem Amt zu Empfing“:

Gemeint ist wohl die Insel Wörth, die früher landwirtschaftlich genutzt wurde (Wörthbauer!) sowie der südlich gelegene Hößgang, wo sich heute noch eine Siedlung befindet. Vermutlich begann dieser Bereich beim Hausstein, wo die Vierzehner eine Ladstatt hatten. Als obere Grenze gegen Ardagger zu ist der „Khettenstain“ angegeben: „Item so werdt unßere Gerechtigkeit gen Ardagger zu dem Khettenstain auß dem Wörth“. Dieser so genannte „Kettensein“ ist heute noch am Donauufer zu sehen, er weist deutliche Einkerbungen und Rillen auf, die von einer Kette herrühren, die zwischen der Insel Wörth und dem Ufer gespannt war, um die Traidelzüge abzusichern, denn diese wurden über die Insel geleitet (alte Ansichte aus dem 18./19.Jh. belegen dies). Verwaltungsmäßig unterstand dieses ganz kleine Wörther Gebiet dem zu Freyenstein gehörigen „Amt Empfing“.

3.) Die nächste Station ist Ardagger.

In den Marktgerichtsbüchern (NÖLA, Gemeinde- und Zunftarchivalien GZ, Marktarchiv Ardagger, Marktgerichtsprotokolle Nr. 1-10) sind die Banntaidinge von 1661 bis 1777 lückenlos protokolliert. Sie fanden alle zwei Jahre in Verbindung mit der Marktrichterwahl statt und geben einen interessanten Einblick in das Alltagsleben einer Landgemeinde. Alle hausbesitzenden Ortswohner männlichen Geschlechts waren zur Teilnahme verpflichtet.

Einschränkend muss gesagt werden, dass es sich hiebei um kein Taidingsbuch im klassischen Sinn handelt (ein solches ist leider nicht erhalten) aber die Texe stehen natürlich in der Weistums-Tradition.

Hier einige Auszüge aus diesen primär nur noch marktpolizeilichen Verordnungen (siehe Textbeilage…)

4.) Ehaft Taiding des Amtes Greinsfurth 1539

(Archiv Greinburg, Herrschaft Ulmerfeld, Schachtel 1)

Das Amt Greinsfurth war Teil der Freisingischen Herrschaft Ulmerfeld. Das Ulmerfeder Taiding vom Jahr 1555 ist in der Weistums-Edition von Winter ediert, das Greinsfurther Taiding war ihm offensichtlich nicht bekannt. (Ich habe es im Vorjahr anlässlich meiner Recherchen zum 700-Jahr-Jubiläum im Ulmerfelder Herrschaftsarchiv entdeckt).

Das Greinsfurther Weistum umfasst 39 Artikel, in denen so manche bemerkenswerte Facette der Ortsgeschichte zutage kommt.

Interessant ist der Rechtsstatus des kleinen, früher freilich viel bedeutenderen Ortes.

Die Bewohner werden als „Burger“ bezeichnet, obwohl Greinsfurth nie ein Markt gewesen ist; im Text wird der Ort stets als „Aigen“ bezeichnet, womit in der Sprache der Weistümer eine privilegierte Mittelstellung zwischen Dorf- und Markt gemeint ist.

(Auch im Taiding der Freyensteiner „Vierzehner“ ist von einem „Aigen“ die Rede).

Die Greinsfurther waren so genannte „Ackerbürger“, die ihre Häuser und Grundstücke zu „Burgrecht“ (= Bürgerrecht!) innehatten. Dadurch waren sie nicht wie die Bauern persönlich an den Grundherrn gebunden und zahlten nur einen Pachtzins.

Wohl aber unterstanden sie der Aufsichtsgewalt eines herrschaftlichen Amtmannes, der auch „im Aigen“ selbst ansässig sein sollte. Die Bürger hatten das Recht, ihren Amtmann „zu einem jedem Taiding ab- und anzusetzen, doch mit Willen der Herrschafft“. Der Amtmann war auch herrschaftliches Forstaufsichtsorgan und hatte darüber zu wachen, dass kein Einwohner sich freventlich am Heidewald vergreift, denn der war Eigentum der Herrschaft: „und wer wider sein (des Amtmanns) Willen ein Stemblein eines Gaislstill (Peitschenstiel) groß abschlueg, der wär der Herrschafft für den Frävel verfallen 152 Pfennig“. Nur der Amtmann selbst darf sich aus dem Herrschaftswald mit dem nötigen Brennholz versorgen, aber auch da nur „von den Windfällen, Wipfeln und Esten, schlueg er aber ohn Erlaubnus einen Stamb ab oder mer, wer er von jedem Stamb verfallen der Herrschafft 152 Pfennige“.

Man spürt in diesem Weistum bereits sehr deutlich den Eingriff der Freisingischen Patrimonialgewalt! Der Amtmann hat hier nicht mehr die Rechte der Ortsgenossenschaft zu vertreten, sondern ist bereits zum Handlanger der Herrschaft geworden, ganz typisch für ein Weistum des 16. Jahrhunderts!

Zum Abschluss möchte ich noch zwei Artikel zitieren, in denen eine starke soziale Komponente zum Tragen kommt:

Art. 32: „So durch Wasser der Urlsteg hinweg wurd tragen, soll der Amtmann allen in seinem Ambt ansagen, diesen in 3 Tagen zu machen; und wo einer ausblieb, der wär verfallen der Herrschafft 72 Pfennig“.

Zu guter Letzt werfen wir noch einen Blick ins Wirtshaus:

Art. 19: „Wo einer in dem Wirtshaus weinig wurd [vom Wein betrunken] und seiner Vernunft beraubt, solt ihn der Wirt güetlich hinaus füern, und in ain Plachen auf das Hey oder Stroh legen. – Wo aber ainer in das Wirtshaus khemb, der anderswo truncken wer worden, und Rumor wolt anfangen, den solt der Wirt bey der Handt hinaus füern für die Tür und sie zuesperrn“.

Vortrag im Arbeitskreis für Bezirksgeschichte am 11. Jänner 2007

Dr. Heimo Cerny

Beiträge zur herrschaftlichen Rechtspflege

im Mittelalter und in der frühen Neuzeit

am Beispiel unveröffentlichter Weistümer des Bezirks Amstetten

(Seisenegg, Freyenstein, Markt Ardagger, Greinsfurth)

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