Zeitreise Blog 01 / 1597 – Eine Seuche brachte großes Leid über die Bevölkerung

Zeitreise Wallsee-Sindelburg

Vorstellung der neuen Beitragsreihe

Die neue Beitragsreihe „Zeitreise Wallsee-Sindelburg‟, welche im Rahmen der Gemeindezeitung erscheinen wird, soll als fortlaufende Ergänzung zu der in Kürze erscheinenden Gemeindechronik dienen. Die historische Forschung ist in unserer Gemeinde nicht zuletzt aufgrund ihrer römischen Vergangenheit in ständiger Bewegung. Die Beitragsreihe bietet die Möglichkeit, neue Erkenntnisse aus der Gemeindegeschichte (z. B. Ergebnisse archäologischer Grabungen) zu publizieren, und so interessierte Gemeindebürger darüber zu unterrichten. Erfahrungsgemäß haben viele Gemeindebürger großes Interesse an neuen Forschungen zur Geschichte der Gemeinde. Hier gibt uns die Beitragsreihe die Möglichkeit, diesem Interesse gerecht zu werden und als dynamisches Publikationsorgan zu fungieren. Als Basis dient unsere bald erscheinende Chronik, welche viele Themen bereits mehr oder weniger tiefgehend behandelt.
Themen welche in den kommenden Monaten publiziert werden sollen, sind: Vorstellung einiger Marterl und anderer Flurdenkmäler, Flur- und Hofnamen, Entwicklung ländlicher Familiennamen in unserer Gemeinde, Beiträge zu den Sindelburger Matriken, etc. Die Beiträge erscheinen unregelmäßig, je nach Themenfindung und Mitarbeit aus der Bevölkerung. Es sind alle Gemeindebürger herzlichst eingeladen an der Beitragsreihe mitzuarbeiten und passende Beiträge zu verfassen, oder aber sich zum Beispiel mit Themenvorschlägen zu künftigen Beiträgen einzubringen.

1597 – Eine Seuche brachte großes Leid über die Bevölkerung
(von Harald Lehenbauer)

Nachfolgender Beitrag soll einen Einblick in die sozialen Verhältnisse unserer Gemeinde zu Beginn des 17. Jhdt. geben. Als Quelle fungiert das erste Tauf-, Trauungs- und Sterbebuch der Pfarre Sindelburg, welches zu den am weitest zurückreichenden in der Diözese St. Pölten zählt. Es beginnt mit Einträgen im Jahr 1581 und endet 1627. Die Vermerke hinsichtlich der Verstorbenen der Pfarre beginnen mit dem Jahr 1597, und fallen in die Zeit des Priesters Georg Schold.1

Wir beginnen unsere erste Zeitreise mit einem „Halt‟ im Jahr 1597, aus welchem uns die Sindelburger Matrik2 eine sehr hohe Anzahl von Sterbefällen berichtet. Allein für dieses Jahr sind in der Matrik 209 Sterbefälle vermerkt3 und auch im nachfolgenden Jahr 1598 waren noch 131 Todesfälle zu beklagen.4 Der jährliche Durchschnitt an Todesfällen in unserer Gemeinde lag in den folgenden acht Jahren bei genau 28 Toten pro Jahr5, was der Norm einer Landgemeinde zu jener Zeit entsprach.

Als Vergleich sollen Zahlen der Gemeinde Strengberg dienen. Hier findet sich in den Jahren 1659 1663 ein Durchschnitt von 28 Toten pro Jahr, während in den nachfolgenden Jahren 1664 und 1665 jeweils knapp über 80 Tote zu beklagen waren.6 Wir können die Jahre 1664 und 1665 in Strengberg also als Äquivalenz zu den Jahren 1597/98 in Wallsee-Sindelburg sehen, wo vermutlich ebenfalls eine Krankheit für das Ansteigen der Sterbefälle verantwortlich war.

Nun zurück in unsere Heimatgemeinde, auch hier sehen wir im Jahr 1607 zum wiederholten Male mit 117 Toten eine signifikant erhöhte Anzahl an Verstorbenen.7 Kehren wir jetzt zum Ausgangsjahr 1597 zurück, um nähere Hintergründe des Massensterbens in unserer Gemeinde zu erfahren. Der Ausgangspunkt der Epidemie lag, wie aus Einträgen der Matrik hervorgeht, höchstwahrscheinlich an einem der beiden Höfe am Groppenberg. So sehen wir am 16. August 1597 den Eintrag vom Begräbnis des „Hanns zu Groppenberg‟.8 Dieser Eintrag scheint den Ausgangspunkt der Epidemie darzustellen, da in den folgenden sechs Wochen acht Todesfälle am Groppenberg zu beklagen waren. Im Laufe des Folgemonats September fällt auf, dass vier Kinder und einige Angehörige von Steinbrechern, verstorben waren. Darunter am 21. September Margaretha Wallisch, sowie am 28. September „des Stephan Wallisch Steinbrecher Weib namens Catharina‟. Am 30. September finden wir Georg Luegmayr, Steinbrecher als verstorben vor.9 Auch im Oktober 1597 erscheinen mindestens vier Einträge, die mit der Steinbrecherzunft in familiärer Verbindung stehen.10 Im September des Jahres 1598 starb abermals ein Kind des Steinbrechers Stephan Wallisch.11 Doch auch andere Höfe wurden schwer getroffen und ganze Familien starben wahrscheinlich aus. So möchte ich noch die schmerzhaften menschlichen Verluste am Hof „Mayr zu Schweinberg‟ anführen, welcher mit sieben Einträgen zwischen 27. Oktober und 21. Dezember des Jahres 1597 genannt wird. Die Verstorbenen waren alle zwischen 3 und 21 Jahre alt12, was für die Familie (sofern diese die Epidemie überlebte) neben der menschlichen Tragödie auch einen großen wirtschaftlichen Verlust darstellte, fehlten doch damit im arbeitsreichen Alltag tüchtige helfende Hände.

Thema des nächsten Beitrages: Ferdinand Huemer – Priester der Pfarre Sindelburg 1865–1895 – Ein Portrait



1 Fleck Edmund, Hilde Fleck, Die Pfarre Sindelburg (St. Pölten 1985), 66.

2 Matriken = Kirchenbücher mit Aufzeichnungen über Taufen, Sterbefälle und Trauungen.

3 Tauf-, Trauungs- und Sterbebuch Sindelburg 1581– 1627, Diözesanarchiv St. Pölten Sign. 01,2,3-01, S_0137.

4 Tauf-, Trauungs- und Sterbebuch Sindelburg 1581– 1627, Diözesanarchiv St. Pölten Sign. 01,2,3-01, S_0138– 0140.

5 Anzahl der Sterbefälle pro Jahr lt. Matrik: 1599:19; 1600:24; 1601:35; 1602:23; 1603:30; 1604:30; 1605:28; 1606: 35 Tote/Jahr.

6 Sterbebuch Pfarre Strengberg 1659– 1701, Diözesanarchiv St. Pölten Sign. 03/01, 02– Tod_001– 02– Tod_029.

7 Tauf-, Trauungs- und Sterbebuch Sindelburg 1581– 1627, Diözesanarchiv St. Pölten Sign. 01,2,3-01, S_0147.

8 Tauf-, Trauungs- und Sterbebuch Sindelburg 1581– 1627, Diözesanarchiv St. Pölten Sign. 01,2,3-01, S_0134.

9 Tauf-, Trauungs- und Sterbebuch Sindelburg 1581– 1627, Diözesanarchiv St. Pölten Sign. 01,2,3-01, S_0134f.
10 Tauf-, Trauungs- und Sterbebuch Sindelburg 1581– 1627, Diözesanarchiv St. Pölten Sign. 01,2,3-01, S_0135ff.

11 Tauf-, Trauungs- und Sterbebuch Sindelburg 1581– 1627, Diözesanarchiv St. Pölten Sign. 01,2,3-01, S_0139.
12 Tauf-, Trauungs- und Sterbebuch Sindelburg 1581– 1627, Diözesanarchiv St. Pölten Sign. 01,2,3-01, S_0136–0137.

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